Archiv für Mai 2008

Kommentar- „überfremdungstheoretiker“

Der aktuelle Albrecht hat neben einem fragwürdigen Artikel zu den Nazianschlägen in Kiel einen Schwerpunkt auf Religion gelegt. In diesem Rahmen wurde ein Interview mit einem anonymen Kieler Dozenten abgedruckt, welches unbedingt eines Kommentars bedarf.
Der Albrecht ist eine studentische Zeitung an der Christian Albrechts Universität zu Kiel, die in siebentausendfacher Auflage erscheint. Unterstützt wird die Studentische Redaktion von den Kieler Nachrichten.

Die Einleitung durch den Redakteur Frederik Flemming zeigt deutlich die subtile Unterstützung der Inhalte:

„Bürgerkrieg in Europa
Interview mit einem Überfremdungstheoretiker
Religiöse Toleranz muss Grenzen haben. Aufgrund unserer spezifischen, geschichtlichen Position wird diese fundamentaldemokratische Regel in Deutschland jedoch stillschweigend ignoriert – zum Leidwesen unserer Zukunft. Diesen Standpunkt vertritt zumindest ein Kieler Dozent, der sich diesem Thema gewissenhaft angenommen hat. DER ALBRECHT berichtet distanzwahrend in Form eines Interviews.“*
Die Wiedergabe der Meinung des Interviewten wird schon in der Einleitung sprachlich unterstützt, durch die Wertung der „gewissenhaften“* Beschäftigung wird der Interviewte von möglicher Ideologie freigesprochen. Gleichzeitig will sich der Redakteur in eine objektive Stellung bringen, da das Interview ja „distanzwahrend“* ist. Dies soll alleine durch die Form gewährt werden. Was daran distanziert ist, bleibt unklar, denn die Thesen werden ja publiziert und im Gespräch selbst bleibt die Kritik marginal. In manchen Passagen bekommt die LeserIn eher das Gefühl, der Interviewer möchte die Thesen noch stützen. Das Paradigma hinter solchen Beiträgen ist eine diffuse journalistische Objektvität. Angeblich ideologiefrei und über dem Geschehen schwebend, sollen alle Standpunkte zu Worte kommen und diskutiert werden. Das dies mittelschwerer Schwachsinn ist, dürfte das Interview sehr klar machen. Jede Berichterstattung unterliegt sozialen Konstruktionen, die sog. Journalisten sind Teil einer Gesellschaft und durch deren Normen und Werte sozialisiert. Die plumpe Konstruktion, über den Dingen zu stehen, dient nur der eigenen identitätsstiftenden Selbsterhöhung und schließt die Augen vor der eigenen Position.
Die Kunst liegt darin, die eigenen Konstruktionen zu erkennen und Erkenntnisprozesse sichtbar zu machen, kurz Intersubjektivität herzustellen. Indem der Erkenntnisprozess klar ist, ist auch eine Kritik möglich. Anders ist Journalismus oder auch Wissenschaft gar nicht denkbar. Damit ist ein wichtiger methodischer Fehler herausgearbeitet. Des weiteren sollen noch mehrere Passagen des Interviews mit dem anonymen Dozenten analysiert werden.

Schon die Einordnung des Interviewten wirft Fragen auf. Dieser wird vom Albrecht als „Überfremdungstheoretiker“* vorgestellt, ohne weiter auszuführen, was dieses Gebiet ist. Durch die Charakterisierung als Dozent möglicherweise um die fünfzig, interviewt in einer StudentInnen Zeitung und zusätzlich ja noch Theoretiker, bekommt das Interview einen wissenschaftlich anerkannten Rahmen. Überfremdung ist aber keine taugliche soziale Kategorie, es sei denn man ist Neofaschist, so formuliert die Bundeszentrale für politische Bildung:

„Mit dem sozialen Zerrbild einer Überfremdung gehen militante Rechtsextreme auf Stimmenfang.“**

Überfremdung ist seit ca. 1973 gängige Kampfrhetorik von Neonazis und zwar genau bei dem Thema welches das Interview behandelt.
In dem gesamten Interview wird ein Konglomerat aus TürkInnen, deutsch-türkischer Kultur und Islam als Projektionsfläche für den Untergang des deutschen bzw. der europäischen Staaten benutzt. Per se seien diese Frauenverachtend und Verfassungsfeindlich.
„eine deutsch-türkische Kultur sich ausbreitet, die in ihren Fundamenten frauenverachtend und verfassungsfeindlich ist, sofern sie ihre religiösen Wurzeln ernst nimmt. Der Karrikaturenstreit hat das darin enthaltene Konfliktpotential vor Augen geführt. Diese Spannungen werden zunehmen. Eine strikte Trennung von Staat und Religion ist im Islam nicht vorgesehen.“*

Die darin genannten Kategorien bleiben allesamt vulgär analysiert und damit in ihrem Inhalt nebulös. Klar ist, das Sexismus und Antisemitismus sich auch daraus generieren, doch darauf will der Interviewte gar nicht hinaus. Die stereotype Abhandlung soll nur als Projektionsfläche für eine deutsch-christlich abendländische Kultur dienen, die beschützt und gefördert werden soll.

„Das Abendland ist durch endlose Konfessionskriege jedoch schließlich zu einem Christentum gelangt, dass seine dunklen Seiten reflektiert hat, so dass hier in Europa moralische Werte höher bewertet werden “*

Im gesamten Text kommen immer wieder Stellen, in denen klar wird, dass die Argumentation nur zur Beförderung der nationalen deutschen Identität und der Entsorgung deutscher Geschichte dient.

„Eine strikte Trennung von Staat und Religion ist im Islam nicht vorgesehen. Diese Tendenz wird verschwiegen, weil unsere Geschichte zu Toleranz auffordert. Was jedoch geschieht, ist, dass damit eine kulturelle Entwicklung toleriert wird, die dem nationalsozialistischen Absolutheitsanspruch in nichts nachsteht.“*

Damit wird klar gestellt, dass Deutschland zum Opfer seiner Geschichte wird, da die angebliche Toleranz historisch begründet ist. Und diese Toleranz wird den angeblichen europäischen Bürgerkrieg begründen. In diesem Sinne handeln natürlich auch die deutschen Politiker, begrenzt im Handeln durch Auschwitz und durch Stigmatisierung als Rassisten würden sie bei der leisesten Kritik ihr Amt verlieren und deshalb werden diese angeblichen Mißstände geduldet.
In einen vordergründigen Humanismus verpackt werden weiter nicht integrierte TürkInnen konstatiert, außerdem die Ausrottung der gebildeten Deutschen durch fehlende Geburten im Gegensatz zu riesiege Geburtenkohorten bei MigrantInnen usw und so fort. Alles in allem recht plumpe und stammtischartige Parolen ohne empirischen Gehalt, aber dafür mit umso mehr politischem Gehalt.
Was bleibt ist die Gewissheit, dass die bürgerliche Gesellschaft keine fundierte Kritik hinsichtlich Antisemitismus oder geschlechterspezifischer Unterdrückung formulieren kann, da viel zu sehr in den Kategorien des eigenen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus verhaftet ist.

Doch halt, was macht eigentlich Frederik, der Interviewer. Formuliert dieser Kritik oder dekonstruiert er seinen Gesprächspartner? Frederik glänzt mit solchen Fragen:

„Man kann Ihnen also keinen Rassismus vorwerfen, sondern sollte vielmehr mit Ihnen den immanenten Rassismus der Deutschtürken endlich als Gefahr erkennen.“*

Bei so viel Ignoranz wird selbst freies Radio manchmal sprachlos….

* Zitate aus dem Albrecht Nr.64
** Zitat Bundeszentrale für politische Bildung